Ein Weizenkorn erzählt….

Ein Weizenkorn erzählt

Zusammen mit vielen Geschwistern wuchs ich in einer wundervollen großen Ähre auf einem liebevoll gepflegten Acker auf. Mein Bauer schaute täglich nach seinem Weizenfeld und bewässerte es regelmäßig. Zum Glück duschte er uns nicht mit irgendwelchen Düngemitteln. Als wir goldgelb reif waren, wurden wir zwar beim Dreschen ein wenig unsanft behandelt, doch in Erwartung unseres zukünftigen Daseins in einem leckeren Brot nahmen wir das in Kauf. Auf dem Weg zur Mühle schüttelte uns der Traktoranhänger kräftig durch und wir hatten viel Spaß dabei, gespannt auf das, was noch folgen sollte. Nun ging es zur Mühle. Der Müllermeister schüttete uns vorsichtig in das Mahlwerk, das uns zunächst sanft streichelte und dann etwas kräftiger drückte. Wir mussten uns da ganz klein machen. Meine Geschwister und ich freuten uns schon darauf, später mal im Bäckerladen zu liegen und als Brot bewundert und genossen zu werden, so mit Körnern und Mehlhäubchen als Verzierung drauf. Dann kamen wir schließlich zum Bäcker. Der konnte das noch richtig gut von Hand und hat uns mit seiner geduldigen Sauerteigführung zu einem echten „Handbäcker-Weizen-Roggen-Mischbrot“ verarbeitet. Ach ja, ich vergaß ganz zu erwähnen, dass wie neue Freunde kennengelernt haben, nämlich die vom Roggenfeld. Wir verstanden uns sofort prächtig.

Endlich war es soweit, herrlich, im warmen Backofen zu kuscheln. Doch irgendwann hatten wir von der Sauna genug. Zum Glück kam der Bäckermeister rechtzeitig und hob uns auf einem großen Brett heraus. Danach ging es endlich in den Laden. Wir müssen wohl sehr gut ausgesehen und geduftet haben, denn bereits um 7 Uhr morgens kamen die ersten Kunden und riefen: „Hier duftet es aber gut nach frischem Brot. Ich hätte gerne den „Weiro-Burger“.“ So hatte uns der Bäckermeister ganz geschäftstüchtig genannt. Bald landeten wir bei Familie X. Kaum angekommen, schnitt die Mutter sich das „Knüstchen“ ab und schwärmte: „Mmh, lecker, genauso wie früher, als ich noch Kind war. Der Bäcker hat’s eben drauf.“ Leider waren ihre Kinder wenig begeistert von uns, denn die liebten eher Burgerbrötchen, Croissants und Co. Also war Mutter Elise die einzige, die sich an uns erfreute. Dummerweise bekam sie eine starke Erkältung und hatte tagelang keinen Appetit. So gerieten wir schnell in Vergessenheit und irgendwann wurden wir ganz trocken. Nun nahm unser Schicksal eine traurige Wendung. Der Sohn entdeckte das nicht mehr ganz frische Brot und sagte: „Ach, das ist ja schon ein bisschen trocken, zum Aufbacken habe ich keine Lust, will jetzt was frisches. Das kommt in die Tonne. Stört mich nicht weiter, ich mag so ‚was sowieso nicht. Wie gut, dass der Supermarkt gleich um die Ecke ist, da gibt es auch am Abend noch frische Brötchen…“

Ihr könnt euch vorstellen, wie enttäuscht meine Geschwister und ich waren. Wir hatten uns gewünscht, von der ersten bis zur letzten Brotscheibe mit Genuss verzehrt zu werden. Aber das war wohl eine Illusion. Wie kann man nur so geringschätzig mit Lebensmitteln umgehen? Aber wir waren wohl zur falschen Zeit am falschen Ort.

 

Copyright

Christiane Högermann, Osnabrück